Der Väter Traum, Der Söhne Werk, Der Enkel Gesundbrunnen   

Karlihausverein Jugend und Kultur e.V. Seifhennersdorf

Hier veröffentlichen wir noch einmal den umfangreichen Bericht über die Entstehung dieses Gebäudes aus nachfolgend genannter Zeitung: 

Die Oberlausitzer Dorfzeitung  (Ausgabe Neugersdorf)  veröffentlichte am Sonnabend, dem 30. November 1929 folgenden Bericht

Zur Turnhallenweihe in Seifhennersdorf      (heute Karlihaus)       

 Am vorigen Sonnabend hat der Turnverein Seifhennersdorf Abschied von der Schulturnhalle genommen und ist in sein neues Vereinsheim eingezogen. Am Sonntag war das geschaffene Werk, zur Besichtigung freigegeben, das Ziel ungezählter Besucher. Heute Sonnabend und am Sonntag finden nun die Einweihungsfeierlichkeiten statt.              

Nach den vom Turnvereinsvorsitzenden Oberlehrer Heinrich zusammengestellten Unterlagen hat die Verwirklichung des langersehnten Zieles eine lange geschichtliche Entwicklungsperiode hinter sich. Am 20. Mai 1872 stiftete ein Vereinsmitglied zur Errichtung eines Turnhallenbaugrundstocks eine  Aktie im Werte von 25 Talern. Der Grundstock wurde durch Warnsdorfer Turnbrüder um weitere 6 Taler 20 Neugroschen gestärkt. Im Jahre 1873 war er auf 61 Taler 5 Neugroschen angewachsen. Emsiger Fleiß und unermüdliche Opferwilligkeit zahlreicher Mitglieder brachten den Turnhallenbaufonds bis zum Jahre 1901 auf 24.677 Mark. Nebenher war der Ankauf des 16.000 Quadratmeter großenTurnplatzgeländes von den Bauerngutsbesitzern Eisold und Rößler getätigt worden. Der Ausbau der auf dem Gelände an der Marxstraße stehenden Scheune wurde ernstlich erwogen, aber schließlich verworfen. Dasselbe Schicksal hatten zahlreiche Turnhallenbaupläne jener Zeit. Aus Anlaß der Kreisturnausfahrt der Lausitzer Gruppe am 24. August 1902 wurde an der Friedrich-August-Straße eine geräumige Holzveranda errichtet, die dem Vereine bis zum Abbruch vor wenigen Wochen gute Dienste leistete. Im Jahre 1904 erbaute die Gemeinde die untere Schulturnhalle und stellte sie vom 1. Januar 1905 dem Turnverein zur Mitbenutzung zur Verfügung. Von da an ruhten die Wünsche nach einem eigenen Turnerheime.

Die Entwicklung des Turnvereines schritt aber unaufhaltsam vorwärts.Die Zahl der Kinderabteilungen vergrößerte sich. Das Frauenturnen nahm einen gewaltigen Aufschwung, Vorturner und Volksturner forderten in der Halle Raum und Zeit zu ihrer Betätigung. Daneben wurde die Inanspruchnahme der Schulturnhalle durch das planmäßige Volks- und Berufsschulturnen häufiger und die Einschränkungen für den Turnverein immer  unerträglicher. Die Überlastung der Schulturnhalle hinderte die freie Weiterentwicklung des Turnvereins. Auch die hiesigen Saal- und  Bühnenverhältnisse genügten für den großen Turnverein seit Jahrzehnten nicht mehr, sondern legten den werbenden Unternehmungen schwere Fesseln an. Die Übergroße Enge bei den gesellschaftlichen Vereinsveranstaltungen hielt viele Mitglieder vom Besuch ab. Die Abhängigkeit von diesen Verhältnissen wurde im Laufe der Zeit für denTurnverein zu einer unbequemen Zwangsjacke. Sorgen um die Zukunft führten zu dem Plane, mit allen Mitteln und Kräften den Bau einer eigenen Turnhalle, verbunden mit einem Vereinsheime, zu erstreben. Die Herbsthauptversammlung im Jahre 1926 traf die Entscheidung über die bedeutungsvolle Lebensfrage, es wurde grundsätzlich die Turnplatzvergrößerung als Voraussetzung des Bau der Turnhalle beschlossen. Durch Landzukäufe von den Gutsbesitzern Rößler, Eisold und Stolle und durch einen Landverkauf an Fabrikant Jentsch wurde dem Turnplatze die jetzige Gestalt und Größe verliehen. Die geschaffenen Verbesserungen gaben die Möglichkeit den Turnhallenbau und Errichtung einer großen Kampfbahn ins Auge zu fassen. Es kam eine gut organisierte Spartätigkeit in gang, die bis jetzt angehalten und recht ansehnliche Beträge eingebracht hat. Am 27. Oktober 1928 wurden an verschiedene Baumeister und Architekten, welche am Turnhallenbau Interesse hatten, die Entwurfsunterlagen ausgegeben, und am 31. Dezember gingen die fertiggestellten Entwürfe ein. Die Baufirmen Fritz Pohlisch und J.W.Roth, Neugersdorf, und die Architektenfirma Bock, Paatzsch und Thier in Leipzig hatten mehrfache Lösungen eingereicht. In den nächsten Wochen wurden die Entwürfe durch den erweiterten Turnrat in baulicher und finanzieller Hinsicht gründlich durchberaten. An einer solchen Besprechung hat auch Kreisvertreter Dr. Thiemer aus Dresden, teilgenommen. Die außerordentliche Hauptversammlung am 30. Januar wählte als brauchbarsten Plan den Entwurf mit dem Kennwort Zehnpfennigmarke aus, der von der genannten Leipziger Architektenfirma angefertigt worden war. Dieser Entwurf mußte leider aus finanziellen Gründen noch wesentlich vereinfacht werden. Das Ergebnis ist das Turnhallengebäude wie wir es heute vor uns haben. Nach Klärung des Entwurfes wurden die Kostenvoranschläge eingeholt. In die engere Wahl kamen die Neugersdorfer Baufirmen J.W. Roth und Fritz Pohlisch und die hiesige Baufirma  E.R.Grunewald. Die errechneten Baukosten betrugen 164.640 bis 165.000  Mark.

Die Ausführung des Baus wurde durch Hauptversammlungsbeschluß am 15.Juni 1929 der hiesigen Firma E.R Grunewald im Pauschal übertragen. Auf dem Bauplatze wurden die Vorarbeiten sofort in Angriff genommen. Die Ausschachtung der Baugrube durch Vereinsmitglieder war der vorgerückten Jahreszeit halber leider nicht mehr möglich. Landwirte und Fabrikherren lieferten 155 Fuhren Steine. Bereits am 10. August war das Kellergeschoß hochgebaut, sodaß die Grundsteinlegung vollzogen werden konnte. Wenn  auch der Himmel recht trübe dreinschaute, in den Herzen der zahlreichen Teilnehmer schien doch die Freudensonne. Alles was in Wort und Ton geboten wurde, machte diese Feier zu einem bleibenden Erlebnis. Nur drei Hammersprüche sollen hier noch einmal wiederholt werden: Das Turnhallengebäude möge für den Turnverein eine immer Kraft spendende Arbeits- und segenbringende Heimstätte werden. Dieses Gebäude für Körperkultur bleibe untrennbar mit der deutschen Turnerschaft verbunden. Dieses kerndeutsche Haus möge sich allzeit als Bollwerk des Deutschtums bewähren. Der Himmel hat es gut gemeint mit den Turnern, denn seit der Grundsteinlegung hat es keinen Tropfen mehr in unseren Turnhallenbau geregnet. Die Arbeiten gingen auch weiterhin mit Riesenschritten vorwärts. Am 4. September fand das Hebefest statt, ein heimatliches Fest nach alter, schöner Sitte mit Musik, Gesang, Ansprachen, Ehrentrunk, mit vielen Pfeffernüssen für die große Kinderschar und Bewirtung und Beschenkung der Maurer und Zimmerleute.

Heute, vier Monate nach Baubeginn, ist das große Werk bereits vollendet. Das war nur möglich, weil alle am Bau beteiligten, die Firma Grunewald, die Architektenfirma aus Leipzig, die Handwerksmeister, die Poliere und der Bauausschuß des Turnvereins verständnisvoll zusammengearbeitet haben. Dank auch dem Vermittler der Landwirtschaft Ernst Rößler.

Die Finanzierung des großen Baues war freilich keine leichte Sache in einer Zeit schwerer wirtschaftlicher Not. Die Gemeinde hat dem Turnverein beigestanden. Die Stellungnahme der Gemeindeverordneten und des Gemeinderates förderte die Sicherheit der Baugelder. Ganz besondere Verdienste um das Zustandekommen des Turnhallenbaues hat sich Bürgermeister Fichtner erworben. Herzlichsten Dank ihm, den Gemeindeverordneten, dem Gemeinderat, den Mitgliedern des Finanzausschusses und allen denjenigen Vereinsmitgliedern, die als unverdrossene Geldsammler seit Jahr und Tag für den Turnhallenbau gewirkt haben. Wie erfolgreich eine pünktliche und zähe Sammeltätigkeit sein kann, das haben uns besonders die Turnbrüder Max Hähne und Oswald Haftmann bewiesen. Unsere Alten, die seit Jahrzehnten für eine Turnhalle arbeiteten und opferten, haben es nun doch noch erlebt!  Was vor einem Jahr noch so mancher Zweifler für unmöglich hielt, ist zur Tatsache geworden: Die Turnhalle steht, erbaut von gesunder Manneskraft, mit Fleiß, Einigkeit und großem Opfersinn. Schlicht und einfach ist die  ganze Bauart, so wie es unser heimatliches Ortsbild und die Zeitverhätnisse erfordern. Der Turnverein hat sich mit dem Hallenbau eine würdige Wirkungsstätte geschaffen, in der er daß eigentliche Erbe Jahns, die vaterländische, seelische und körperliche Ertüchtigung des Nachwuchses getreulich weiter gestaltet werden kann.

 Die neue Turnhalle richtet ihre Hauptfront nach der Kampfbahn, ihre westliche Außenfront nach der Friedrich-August-Straße, und ihre östlicheSeitenfront nach dem Bahnhof. Die Anlage gliedert sich in das Wirtschaftsgebäude (27 Meter breit, 14 Meter lang) und die Halle mit Bühne (29 Meter lang und 19 Meter breit). Von der Friedrich-August-Straße her, die zur Zeit für den allgemeinen Verkehr den einzigen Zugang zum Grundstück bietet, fallen zwei breite Eingangstüren ins Auge, von denen die rechte als Notausgang gedacht ist, die linke der Vermittlung des Sommerverkehrs dient. Der stets geöffnete Haupteingang ins Gebäude befindet sich auf der Kampfbahnseite. Eine  große dreiteilige Freitreppe führt von der Kampfbahnauf die 15 Meter breite Erdterrasse, die dem Gebäude vorgelagert ist. Die Außenmauern sind alle in Kratzputz gehalten. Dieser gibt den großen Flächen ein herzhaftes Aussehen. Auf den Mauern ruht das hohe Dach aus besten roten Freiwaldauer Dachziegeln. Das Wirtschaftsgebäude ist zweigeschossig, dieTurnhallenseiten erstrecken sich über beide Geschosse. Die Flächeneinteilung zeigt damit eine sehr glückliche Lösung.

Das Wirtschaftsgebäude. Wer durch den Haupteingang das Quergebäude betritt, gelangt in eine geräumige Vorhalle. Angenehm ist der rötliche Farbton der Wände. Geradeaus führen breite Eingangstüren in den Saal. An der  linken Seite schließt sich der Erfrischungsraum an, rechts ist die Kleiderablage für Turner angegliedert, die zu Festzeiten als allgemeine  Kleiderablage verwendet wird. Im Erfrischungsraume für etwa 150 Personen heimeln die braunroten Wände und die elfenbeinfarbene Decke an. Ins Auge fällt das neuzeitliche Büfett. An der Hauptgarderobe vorbeigehend, gelangen wir in eine kleine Vorhalle, von der man zu den Männeraborten, zu den nach außen führenden Notausgängen sowie zu den beiden Verbindungstreppen nach dem Keller- und Obergeschoß kommt. Die Treppen sind aus Muschelkalk scharriert hergestellt. Im Obergeschoß folgen Aborte für Damen. Durch einen Windfang gelangt man in eine zweite Kleiderablage für 500 Personen. Es folgt das Sitzungszimmer, ein Raum  für 40 Personen, ausgestattet mit den Möbeln der Vereinigten Korporationen, mit dem Bücherschrank der Ehrenmitglieder und einer elektrischen Uhr. Das Sitzungszimmer ist durch eine breite dreiflügelige Tür mit dem Jugend- und Versammlungszimmer verbunden. Hier befindet sich noch ein Büfett, das gesonderte Bewirtschaftung der oberen Räume gestattet. Ein vier Meter breiter Gang zwischen Sitzungszimmer und Saal ermöglicht reibungslosen Verkehr. Gang und Versammlungszimmer sind mit drei verschließbaren Öffnungen versehen, die wundervollen Ausblick auf den Saal zulassen und eine Galerie ersetzen.Alle Räume des Obergeschosses sind in Farben gut abgetönt. Zum Bodenraum aufsteigend sieht man die gewaltigen Flächen des Wirtschaftsgebäudes. Vor allem fällt die Dachkonstruktion ins Auge, konstruiert von der ausführenden Firma Grunewald. Die Binder tragen die Dachhaut und halten dieSaaldecke. Die Mengen gesunden Holzes lieferte die Firma Richter & Co., hier. Bei einem Besuche im Kellergeschoß des Quergebäudes fallen zunächst die Reihenwaschtische ins Auge. Anschließend sind Aborte für Männer, Brauseraum, Transformatorenraum, Heizungsanlage, Frischluftraum, Wirtschafts- und Bierkeller sowie Waschraum angeordnet. Auf der anderen Seite befindet sich die Wirtschaftsküche, verbunden durch Wendeltreppe und Speisenaufzug mit dem darüber liegenden Geschoß. Durch Vorraum  abgeschlossen, schließt sich eine geräumige Dreizimmerwohnung an.

Das Hallengebäude. Unter dem Saale steht ein 11,5 Meterbreiter und 25  Meter langer Raum zur freien Verfügung. Von diesem Raum aus betritt man zwei große Räume unter der Bühne, die als Aufenthaltsraum und Kleiderablage für Mitwirkende bestimmt sind. Von hier aus gelangt man auf breiter Treppe zur Bühne mit Nebenräumen, die ohne letztere 10 Meter breit und 9 Meter tief ist und eine verwendbare Höhe von 5,70 Meter besitzt. Sie ist ausgestattet mit neuzeitlicher Bühnenbeleuchtung, bestehend aus 6 Meter langem Fußrampenlicht, 8 Meter Soffittenlicht,  einer Flächenbeleuchtung und 4 Horizontlampen. Ein faltenreicher, roter Velvetvorhang schließt Bühne und Saal ab. Vom Bühnenanbau führen zwei breite Türen in den Turn- und Festsaal, der eine Buchen-Parkettfläche von 441 qm aufweist. Neun 2,70 Meter hohe, 1,70 Meter breite Fenster lassen reichlich Licht in den Saal. Den Saal schließt in 6,50 Metern Höhe eine gestäbte, aufgeteilte Stabbretterdecke ab. Auch hier hat der beratende Kunstmaler Münckemeyer, Dresden, schöne Farbtonwirkung  erzielt. Angenehm wirkt die von allen Seiten des Saales gewahrte Übersichtlichkeit nach der Bühne. Das Büfett befindet sich außerhalb der Saalfläche, damit Vorstellungen nicht beeinträchtigt werden. Der vorherrschende Farbton des Saals ist gelb.

Die Ausführung der Erd-, Maurer-, Zimmerer- und Eisenbetonarbeiten lag in den Händen der bauausführenden Firma Emil Reinhard Grunewald; Die Bühnenbeleuchtung und Hochspannungsanlage lieferte Siemens-Schuckert, die übrige elektrische Anlage der hiesige Installateur Artur Jentsch;  die Dampfniederdruckanlage wurde hergestellt von der Spezialfirma Hammer, Leipzig, die Narag-Classic-Heizung von der hiesigen Firma Scharf; die Tischlerarbeiten wurden ausgeführt von der Tischlervereinigung Seifhennersdorf (Simchen, Roscher, Röthig & Sand, Richter, Röthig & Sohn). Die Schlosserarbeiten lieferten Klinnert, hier, und Zentsch, Neugersdorf; die Klempnerarbeiten und  Wasserleitungsanlage, Büfetteinrichtung und Gasanlage die Firma Dehner, hier; die Dachdeckerarbeiten Hermann Berndt, hier; die Glaserarbeiten Fritz Bruntsch, Neugersdorf; die Küchenofen Josef Cieslak, hier; die Stühle die Rabenauer Stuhlfabrik; die Tische Firma Böhm & Haftmann, hier. Die runden Tische und Eckbänke im Erfrischungsraum, die transportablen Kleiderständer und die kleinen Tische vor den Galerieöffnungen sind ein Geschenk der oben genannten Tischlervereinigung. Die Malerarbeiten wurden ausgeführt von dem hiesigen Malermeister Artur Ludwig; die Blitzableitungsanlage von Herrn Frey. Der Vorhangstoff wurde nach besonderen Angaben von der Firma Rentsch gewebt. Die Parkettarbeiten führte die Firma Tannert, Eibau, aus; die Rolljalousien  Fa. Reimann, Neugersdorf; den Speisenaufzug Firma Paul Krätzschmar,  Dresden; die Steinmetzarbeiten Bildhauer Müller, hier; den Bühnenvorhang fertigte Paul Lehmann, die andere Dekoration die Firma Max Franze, hier.

Alle am Bau beteiligten Firmen haben ihr bestes Können eingesetzt. So ist  ein Werk entstanden, über das der Verein und die Öffentlichkeit Freude haben kann.